Portraitserie mit The Encounter im Studio

Unnormale Portraits

Gut, ich gebe zu, die Überschrift zu diesem Artikel ist auch nicht so ganz normal. Aber ich weiß wirklich nicht so richtig, wie ich dieses Thema einleiten soll. Unnormale Portraits… Was ist schon normal? Für das hier und jetzt und die Kollegen, die ich so um mich herum wahrnehme, definiere ich das mal so: Normale Portraits sind Bilder von Frauen zwischen 20 und 40 mit normaler Figur. Nicht zu dick, nicht zu dünn. Unauffällig eben. Wenn ich nun diese Definition zur Hilfe nehme kann ich sagen, dass ich auch ab und an mal unnormale Menschen fotografiere. Männer, Frauen ausserhalb des Alters- oder Gewichtsrahmens. Ist das nun schlecht? Um Gottes Willen nein!

 

Portraitserie mit The Encounter im Studio

 

Wie komme ich nun zu dieser bekloppten Einleitung? Ich hatte „The Encounter“ im Studio. Ein unglaublich netter Typ, kann noch richtig sprechen und ganze Sätze schreiben. Besteht nicht auf Whatsapp oder sonstwas, sondern schreibt Emails. Wie erwachsene, wie früher. Gefällt mir.

Wie auch immer, er berichtete mir, dass Männliche Models es schwer haben, Fotografen für freie Projekte zu finden. Viele Fotografen würden den Aufwand scheuen und meinen, Männer zu fotografieren sei schwerer als „normale“ Models (wir erinnern uns, weiblich 20 – 40). Das gleiche wurde mir von Frauen berichtet, die eben nicht der Norm entsprechen, von der wir hier ausgehen.

 

Portraitserie mit The Encounter im Studio

 

Darüber habe ich schon was länger nachgedacht und meine persönliche Meinung dazu ist: Bullshit! Wenn man als Peoplefotograf (eben jemand, der Menschen fotografiert) Menschen auf eine bestimmte Weise fotografiert, weil man diese Art Mensch nun mal so fotografiert, das schon immer so gemacht hat und alle anderen das auch tun, macht man was falsch.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es vielmehr auf die Persönlichkeit statt auf das Körperliche ankommt, wie ein Mensch fotografiert werden muss. Wenn ein Mensch sehr selbstsicher und mit sich im Reinen ist, sich beim fotografiert werden wohl fühlt, sieht man das auch auf den Bildern. Die Persönlichkeit kommt rüber, die körperlichen Makel spielen keine Rolle mehr. Das ist dann sozusagen die Metaebene.

Das technische ist bei allen Menschen relativ gleich. Man muss als Fotograf einfach sehr schnell erkennen, wo die körperlichen Problemzonen liegen. Wie lenke ich den Blick weg von kritischen Stellen hin zu denen, die betont werden sollen? Wie muss die Körpersprache sein, wenn das Modell auf eine bestimmte Art wirken soll?

 

Portraitserie mit The Encounter im Studio

 

Worauf ich mit diesem langen Geschreibsel nun eigentlich hinaus will ist folgendes: Als Fotograf sollte man in der Lage sein, das Modell vor sich als Modell zu sehen. Nicht als Mensch, nicht als Persönlichkeit. Nur, wenn man sich von der Vorstellung frei macht, eine Frau oder einen Mann vor sich zu haben, kann man frei und ungehemmt seine Vision umsetzen. Nur dann kann man die Normen „Frauen müssen so, Männer müssen so“ ablegen und „das richtige“ tun, unabhängig vom Alter und Geschlecht.

 

Portraitserie mit The Encounter im Studio

 

Zugegeben, ein wenig umständlich geschrieben. Aber ich finde es sehr schwer, diesen Gedanken so auszudrücken, dass man darin nicht unbedingt einen Freibrief sieht, Menschen vor der Kamera wie eine Sache zu behandeln und die Sau rauszulassen.  Man muss halt die kulturellen Grenzen überwinden und den Menschen als Ressource sehen – in Grenzen. Alles immer eine Frage des richtigen Maßes, denke ich.

Schreibt mir doch mal eure Gedanken dazu. Fotografiert ihr alles, was euch vor die Linse kommt? Habt ihr Hemmungen oder sogar Angst davor, Männer oder Plus Size Frauen zu fotografieren? Wenn ja, warum? Legt ihr zum Beispiel persönliche Maßstäbe an und fotografiert nur euer eigenes Beuteschema? Oder habt ihr vielleicht Angst zu versagen, weil ihr bisher nur „den Standard“ fotografiert habt? 

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